Der Generalstreik am Tag zuvor, von dem wir hinter den dicken Mauern des Vatikan nichts spürten, wird an diesem Tag abgelöst von einer großen Demonstration gegen die Sparpolitik. Die Lage ist unübersichtlich: Das Internet behauptet, viele Straßen seien gesperrt, manche Sehenswürdigkeiten würden heute früher schließen oder gar nicht erst öffnen. Aber stimmt das auch? Unsere Gastgeberin Elena winkt ab, empfiehlt uns den Bus ins Zentrum – “da sehen Sie mehr von der Stadt” – und wünscht uns viel Spaß.
Auf der Via del Corso, einer der bekanntesten Straßen im Zentrum, die zwei große Plätze miteinander verbindet, steigen wir aus und marschieren los in Richtung Piazza Venezia. Wir bewegen uns auf einer Straße, die es schon in der Antike gab – als Via Flaminia zog sie sich von Rom bis Rimini.
Auf dem Weg kommen wir am Parlament und am Regierungssitz, dem Palazzo Chigi, vorbei. Auf dem Platz davor plätschert einer von abertausenden Brunnen der Stadt, daneben reckt sich die Marc-Aurel-Säule in den blauen Himmel – sie kündet von den *hüstel* ruhmreichen Taten des Kaisers.
Nationaldenkmal
Die Via del Corso mündet in einen großen Platz, der Piazza Venezia. Auf einem ausladenden Kreisel drängeln sich Sightseeing-Busse, hupende Autos und knatternde Motorinis im Schatten des klobigen Nationaldenkmals Vittorio Emanuele II oder, wie die Römer sagen, “die Schreibmaschine”.
In einem Café am Platz sehen wir an der Wand Schwarz-Weiß-Fotografien: Die Piazza Venezia schwarz vor Menschen. So hat es wohl hier auch ausgesehen, wenn Mussolini vom Balkon des Palazzo Venezia seine Reden ans Volk hielt. Vielleicht hat er in einer dieser Ansprachen von dem Rom gesprochen, wie er es haben wollte: “Groß, groß, groß” und “so weit geordnet, so mächtig wie in den Zeiten des Ersten Reichs unter Kaiser Augustus”. Was dem im Wege stand, hat er platt gemacht, die mittelalterliche Bebauung auf den Kaiserforen abreißen lassen, doch kaum sind darunter die Reste des antiken Rom zum Vorschein gekommen, lässt Mussolini einen großen Teil davon wieder zuschütten – für eine breite Straße, die die Piazza Venezia mit dem Colosseo verbindet. Welche Schätze bei dieser Wahnsinnsaktion unwiderbringlich zerstört worden sind – wir werden es nie erfahren. Wer Platz für Paraden und Aufmärsche braucht, muss Opfer bringen.
Kaiserforen und Forum Romanum
Heute heißt Mussolinis Protz-Allee Via Dei Fori Imperali, denn sie führt an Kaiserforen vorbei – oder genauer: mitten über die antiken Ausgrabungsstätten hinweg, die sie in zwei Teile schneidet. Links sind die Säulen, Mauer-und Fassadenreste des Trajansforums zu sehen, errichtet vor 1900 Jahren und heute das größte und am besten erhaltene der Kaiserforen. Rechts, hinter der Rückseite des Nationaldenkmals, erheben sich die Tempelruinen des Forum Romanum, Zentrum des antiken Roms. Und weil Mussolini auch einen Hügel hat abtragen lassen, sieht man geradeaus bereits das Colosseo.
Kolosseum
Unvermutet hat das Kolosseum doch geöffnet – und die Schlange davor sieht gar nicht so lang aus. Dass ihr größter Teil sich im Inneren der dreistöckigen Arkaden entlangwindet, können wir nicht ahnen, als wir uns zuversichtlich einreihen. Aber schon eine gute Stunde später sind wir drin.
Circus Maximus
Nicht weit vom Colosseo erstreckt sich ein Hundeauslaufplatz von gigantischen Ausmaßen: Der berühmte Circus Maximus ist heute tatsächlich nicht viel mehr als ein langes, begrastes Areal, das die Römer zum Gassigehen und hier und da mal für das Veranstalten großer Rockkonzerte nutzen. Der Reichtum der Stadt an antiken Bauwerken ist so groß, dass sie sich leisten kann, die von Cäsar und Augustus ausgebaute Wettkampfstätte weitgehend sich selbst zu überlassen. Baugerät und Zäune am Rande deuten jedoch darauf hin, dass sich das demnächst ändern wird.
Bocca della Verità
Wir marschieren den Circus Maximus einmal in voller Länge ab und gelangen zur Kirche Santa Maria in Cosmedin, die vor allem für eines bekannt ist: Den Mund der Wahrheit. Auch an der Bocca della Veritá steht wieder eine Schlange an; vor allem Asiaten sind es, die hier viel Zeit investieren, um die Hand in den geöffneten Schlund eines unheimlich dreinblickenden steinernen Gesichts zu legen – im Vertrauen darauf, dass er sie trotz der einen oder anderen Lüge schon nicht abbeißen wird. Das Späßchen von Gregory Peck in “Ein Herz und eine Krone” wird hier vermutlich Tag für Tag hundertfach nachgestellt.
Altstadt
Parallel zum Tiber geht es von hier weiter zum Marcellustheater auf dem Marsfeld, dessen Bau unter Cäsar begonnen wurde.
Wir biegen ab ins Centro Storico, die Altstadt – und sind plötzlich fast unter uns. Die Touristenströme sind weit weg, die Gassen eng, die Häuser hoch – und einige davon immer noch prachtvoll.
Pantheon und Piazza Navona
Über die Piazza Venezia erreichen wir wieder die Via del Corso. Es ist von hier nicht weit zum Trevibrunnen, ein Schild behauptet gar, der berühmte Wasserspeier sei nur eine Minute entfernt. Wir heben ihn uns aber für später auf, wenn es dunkel und der Brunnen in ein goldenes Licht getaucht ist. Stattdessen gehen wir wieder Richtung Tiber und passieren das Pantheon. Auch hier wuselt es vor Menschen, in der Kirche findet gerade ein Gottesdienst statt. Wir ziehen weiter zur Piazza Navona, dem schönsten Platz Roms, der die Form eines Stadions hat – weil Cäsar hier einst eine Wettkampfstätte hat bauen lassen.
Engelsburg und Trevibrunnen
Geht man von hier nach Norden, kann man den Tiber über die Engelsbrücke überqueren. Sie führt direkt auf die Engelsburg zu, ein trutziger Bau, ursprünglich das Mausoleum Kaiser Hadrians, dann Fluchtburg der Päpste (die einen direkten Mauergang zum Vatikan hatten), aber auch Gefängnis der Inquisition. Heute ist die Engelsburg ein Museum.
Am späten Abend, wir haben inzwischen die obligatorische Münze in den Trevibrunnen geworfen (leider über die falsche Schulter) und die Spanische Treppe besucht (eher unspektakulär), steht der Schrittzähler auf 22024 – und die Füße dampfen.