Der Mord an “Charlie Hebdo” – und was er mit uns macht

Im Frankfurter Caricatur Museum gibt es in diesen Tagen den "Je suis Charlie"-Button zur Eintrittskarte dazu.

Im Frankfurter Caricatura Museum gibt es am Freitag den “Je suis Charlie”-Button zur Eintrittskarte dazu.

Fassungslosigkeit, Entsetzen und Trauer gehören in diesen Tagen, nach den Morden an zwölf Menschen bei und vor dem Satireblatt Charlie Hebdo in Paris, wohl zu den vorherrschenden Gefühlen in allen Redaktionen auf diesem Globus. Auch bei uns ist das so. Es ist anders als sonst, wenn ein Terroranschlag oder ein großes Unglück Redaktionen in eine Art professionellen Ausnahmezustand versetzt, der dazu zwingt, alle Planungen über den Haufen zu werfen und alle Kraft allein auf ein Ereignis zu konzentrieren. Es geht näher. Klar: Es sind quasi Kolleginnen und Kollegen, die in Paris für die Meinungsfreiheit starben. Empfinden wir deshalb mehr Mitgefühl? Vielleicht. Aber da ist noch etwas anderes: Das Gefühl der Bedrohung nimmt zu – auch, weil es längst Alltag geworden ist, Redaktionen aus dem Schutz der Anonymität aufs Übelste zu beschimpfen und namentlich genannten Menschen öffentlich den Tod zu wünschen. Man muss heute nicht mal über besonders heikle Themen schreiben, um zur Zielscheibe eines völlig entfesselten Mobs zu werden. Weiterlesen →

Die Hoheit zurückerobern

Die NSA wird uns auch künftig überwachen, wo sie nur kann. Die Bundesregierung wird auch in Zukunft nichts tun, um uns davor zu schützen. Im Gegenteil: Der BND betrachtet die Snowden-Enthüllungen als Machbarkeitsstudie – und will Geld, um all die schönen Technologien anwenden zu können. Und wir? Wir werden unsere Wohnungstüren noch bereitwilliger öffnen für das Internet der Dinge. Für fernüberwachte Rauchmelder und Smart Meter, die unsere Verbrauchsdaten digital an unseren Energieversorger übermitteln – inklusive der Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer. Und wenn er endlich da ist, der vernetzte Kühlschrank, auf den wir schon so lange warten, dann werden wir uns noch wünschen, er würde einfach nur unsere digitale Einkaufsliste verwalten – und nicht auch unsere Essgewohnheiten in die Welt twittern.

Ist das eine Kapitulation? Nö. Zunächst einmal ist es nicht mehr als die Erkenntnis, dass sich die Digitalisierung trotz Risiken und Nebenwirkungen fortsetzen wird – viel zu viele gute Gründe gibt es dafür. Da genügt ein Blick auf das saftige Grün meiner Pflanzen, die sehr viel besser gepflegt werden, seit mein Wlan-Pflanzensitter mir eine Pushnachricht aufs Smartphone schickt, wenn die Erde zu trocken oder Temperatur und Lichtverhältnisse ungünstig sind. Und auf das selbstfahrende Auto, das mich vor meiner Tür absetzt und dann eigenständig raus aus der Stadt kutschiert, freue ich mich jedesmal, wenn ich wieder mal Runde um Runde auf der Suche nach einem Parkplatz drehe. Weiterlesen →

Das Jahr des Schulterzuckens

Privatsphäre? War einmal. Foto: Denis Junker / fotolia.com

Privatsphäre? War einmal. Foto: Denis Junker / fotolia.com

“Kein Geheimdienst würde so ungeniert auf Bilderjagd gehen. Bereits heute besitzt der Suchmaschinen-Konzern Google genauere Personenprofile als jede Regierung dieser Welt.” Ob Ilse Aigner dieser Satz heute peinlich ist?  Nein, vermutlich nicht. Sie würde die Schultern zucken und sagen: Jo mei. Damals ging es ja auch gegen Großkonzerne wie Google und Facebook. Damals ging es um Hausfassaden. UM HAUSFASSADEN.

2013 geht zuende als das Jahr, in dem unsere Regierungen – ob Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot – uns deutlicher denn je gesagt haben: Findet euch ab mit eurer Totalüberwachung. Datenschutz, informationelle Selbstbestimung, Freiheit der Gedanken – alles nicht mehr so wichtig. Die Kanzlerin hat uns deutlich gezeigt, dass sie unsere Privatsphäre nicht vor fremden Geheimdiensten schützen wird. Wir haben sie trotzdem wieder ins Amt gewählt. Nun führt sie zusammen mit ihrem neuen Partner SPD die  Vorratsdatenspeicherung wieder ein. Im Koalitionsvertrag steht ansonsten etwas von einem neuen IT-Sicherheitsgesetz, einer europäische Cybersicherheitsstrategie und Europa als “Vertrauensraum” – gerade so, als läge es nur an fehlenden Gesetzen, dass wir flächendeckend ausspioniert werden. Und als würden sich die Geheimdienste, wenn diese Gesetzeslücken nur geschlossen werden, daran halten.

“Wir wollen eine bessere parlamentarische Kontrolle der Nachrichtendienste”, dieser vage Satz im Koalitionsvertrag ist ein Offenbarungseid. Ihr habt keine Kontrolle mehr. Und nicht die leiseste Idee, was ihr dagegen tun könntet. Ihr habt kapituliert und eines der wichtigsten Bürgerrechte preisgegeben. Geht ja nicht gegen Google und Facebook, diesmal. Hausfassaden lasst ihr verpixeln, Menschen lasst ihr abhören. Das Unerträglichste dabei ist euer Schulterzucken.

Szene aus "Das Leben der Anderen"

Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein, remember?

Nennt mich meinetwegen naiv. Aber das Ausmaß der staatlichen Schnüffeleien, denen wir scheinbar hilflos ausgesetzt sind, hat mich umgehauen. Dabei kennen wir vermutlich noch nicht einmal die ganze Schweinerei. Der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden hat den Vorhang nur ein kleines Stück beiseite gezogen. Das, was da zum Vorschein kommt, reicht aus, um noch den letzten Rest Glauben an die eigenen Grundrechte zu verlieren. Informationelle Selbstbestimmung? Staatliches Ausspähen von persönlichen Daten nur mit richterlicher Anordnung? Grundrecht auf Vertraulichkeit? Die Geheimdienstler dieser Welt biegen sich vor Lachen. Weiterlesen →

Die 1768er sind an allem Schuld!

Ich liebe das NDR-Zeitzeichen, das jeden Tag in einer Viertelstunde ein kleines Stück Geschichte erzählt. Heute liebe ich das NDR-Zeitzeichen ganz besonders – denn die 1.-April-Ausgabe ist eine herrliche Persiflage. Wir schreiben den 1. April 1788, und Madame D’Anne Willencourt begrüßt ihre Gäste in ihrem Talk-Salon in Versailles, darunter den Wirtschaftsminister ihrer Majestät, Comte Phillippe Bourbon de Rosleville und den berühmten Ökonomen Rien de la Sens. Zur allgemeinen Erheiterung der hochwohlgeborenen Runde ist auch ein gewisser Georges Danton eingeladen, der absurde Stichwörter wie Mitbestimmung, Gleichheit, Freiheit und Bürderlichkeit einwirft. Man parliert über die “Kuchenaffäre”, jene angebliche Äußerung Marie Antoinettes zum Hunger des Volkes, über die Alternativlosigkeit der Feudalwirtschaft, die Neiddebatte des Pöbels und ein von Comte Rosleville leicht überarbeitetes Traktat zur Armut (das zu dem Schluss kommt, dass es sie in ganz Frankreich überhaupt gar nicht gibt).

Die “68er” wie Jean-Jacques Rousseau und Konsorten, so fasst Madame Willencourt am Ende zusammen, sind eh an allem Schuld. “Und nächste Woche lautet dann mein Thema: Dampfmaschinen und vollmechanische Webstühle – warum solch neumodischer Schnickschnack vollkommen überschätzt wird.”

Unbedingt hörenswert. Hier der Link zum Podcast bei iTunes.

Das Leistungsschutzrecht verwirrt selbst seine Befürworter

Es kam, wie es kommen musste: Eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag löste heute ihr Wahlversprechen an die mächtigsten Medienkonzerne des Landes ein und verabschiedete ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Dass im Axel-Springer-Verlag heute die Sektkorken knallen, ist dennoch unwahrscheinlich. Denn das, was das Parlament da mit 293 Ja- zu 243 Nein-Stimmen (und bei drei Enthaltungen) passieren ließ, wird den Presseverlagen die erhofften zusätzlichen Einnahmen nicht bescheren. Auf die dürfen sich stattdessen die Abmahnanwälte des Landes freuen. Google, den ursprünglichen Adressaten des Gesetzes, wird es nicht kratzen. Seitdem wenige Tage vor der Verabschiedung ein entscheidender Halbsatz in den Gesetzestext geriet, der das Zitieren von „einzelnen Wörtern und kleinsten Textausschnitten“ ausdrücklich erlaubt, kann sich der Konzern zurücklehnen. Oder doch nicht? Weiterlesen →